Zeitzeugenbefragung

Im Geschichtsunterricht der 10. Jahrgangsstufe ist das geteilte Deutschland ein wichtiges Kapitel. Deshalb ist es der Lehrkraft Frau Silvia Eichinger besonders wichtig, dass die Schüler und Schülerinnen einen besonders intensiven Zugang zu diesem wichtigen Teil unserer Geschichte finden. Wie gut, dass zwei unserer Lehrkräfte, Herr Heinig und Herr Schäfer, im Osten Deutschlands geboren und aufgewachsen sind. Da sich die beiden dankenswerterweise jedes Jahr gerne für eine Befragung der Schüler zur Verfügung stellen, ist es der Geschichtslehrerin möglich, ihren Schülern auf eine besondere Art die Zustände in der damaligen Zeit näher zu bringen.

Nachdem gemeinsam ein ausführlicher Fragenkatalog erarbeitet wurde, teilte sich die Klasse in zwei Gruppen auf, um anschließend in gemütlicher Atmosphäre ihre Fragen an die beiden Zeitzeugen zu richten.

Nina Putz und Sina Saliger aus der Klasse 10c beschreiben ihre Zeitzeugenbefragung wie folgt:

 

Aus der Sicht von Herrn Heinig 

Persönliches

Geboren ist Herr Heinig am 27.02.19** in Karl-Marx-Stadt im heutigen Chemnitz als „Sandwichkind“ von zwei Schwestern. Er kann sich nicht über seine Kindheit beklagen, denn er hatte eine tadellose Zeit als Kind und ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern trotz des strengen Erziehungsstils. Sie hatten eine ziemlich große Wohnung (ca.90m²). Sein Zimmer bestand aus der Hälfte des Arbeitszimmers seines Vaters, das er sich mit seinem Meerschweinchen und seinem Kaninchen teilte. Seine Mutter musste den ganzen Tag arbeiten, da sie das Geld benötigten. Als Folge dessen war er in der Kinderkrippe. Dort wäre er aber fast rausgeflogen weil er schon damals ziemlich frech war :-) 

Seine Interessen bezogen sich überwiegend auf den Sport. 5x pro Woche trainierte er für den anstehenden Wettkampf oder Marathonlauf. Durch diesen Sport hatte er viele Privilegien und Freiheiten wie z.B. das Reisen.

Schule

Zu seiner Schullaufbahn lässt sich sagen, dass die Schule schon etwas politisch gelenkt war, er jedoch aber kein Gefühl der Überwachung oder Kontrolle hatte. Erschreckend war es allerdings, dass sich das Schulgebäude direkt neben einem Stasigefängnis befand und niemand etwas davon wusste. Das Gymnasium, das er auch an Samstagen besuchte, bot öfters auch mal Schulreisen an, wie z.B. 2 Wochen an die Ostsee für 100 DDR-Mark. Das Lehrer-Schülerverhältnis war ganz unterschiedlich, denn es gab Schüler, die gegen das DDR-System waren. Er selbst hatte auch eher eine kritische Sichtweise dazu. Erstaunlich ist auch, dass es sogar Lehrer gab, die von diesem System nicht überzeugt waren!

Leben

Selbstverständlich war Herr Heinig auch Mitglied in der FDJ und feierte somit in der 8.Klasse seine Jugendweihe. Nachmittags machte die Gemeinschaft oft Ausflüge wie z.B. in das Freibad oder den nahegelegenen Park. In seiner Freizeit wollte er sein eigenes Geld verdienen, weshalb er ab der 8.Klasse in einem örtlichen Supermarkt jobben durfte. Außerdem sprach er sich für den Wehrdienst aus, da man dort Disziplin erfuhr und dies für sein weiteres Leben als wichtig erachtete. Oft fuhr die Familie zusammen in den Urlaub, jedoch nur innerhalb der DDR oder Tschechien, Polen und Russland. In den Süden zu fahren war untersagt. Deshalb hatte Herr Heinigs Familie eine Hütte im Erzgebirge, wo sie regelmäßig Urlaub machte. Interessant ist auch, dass die DDR-Bürger kein eigenes Auto brauchten, da die öffentlichen Verkehrsmittel „spotbillig“ waren. Jedoch wurden auch oft Trabis als Hauptauto gesehen. Beruflich gesehen wollte er schon immer Lehrer werden, doch wenn dies nicht geklappt hätte, wäre er jetzt Lkw-Fahrer und würde Bier ausliefern oder Basketballtrainer einer Mannschaft sein.

Staat

Die Bevölkerung, so auch er, war bekenntnislos, da die Kirche nicht zum Staat gehörte. Erwähnenswert ist auch, dass man dies nicht an der falschen Stelle sagen durfte, da man sonst schnell in die Fittiche der Stasi kam. Des Weiteren erzählte Herr Heinig, dass er schon öfters Kontakt mit der Stasi hatte, wie z.B. bei Demonstrationen o.ä., jedoch dies nie gravierende Folgen für ihn hatte. Wenn man aber im Stasigefängnis inhaftiert war, wurde von der Stasi häufig etwas ins Essen oder Trinken gemischt, sodass man bedeutende Informationen preisgab. Diese Zusatzinformation war für die zuhörende Schülerschaft besonders schockierend. Zur Wende erklärte Herr Heinig, dass er diese anfangs gar nicht mitbekommen hat und erst in den Nachrichten davon erfuhr. Sein Referendariat und die zweijährige Hausarbeit wurden im Westen nicht anerkannt, weshalb er alles wiederholen musste.

Abschließend teilte uns Herr Heinig mit, dass er die DDR teilweise vermisst, da den Jugendlichen dort viel mehr angeboten wurde und man sich als Erwachsener um nichts kümmern musste, wie z.B. um einen Krippen- oder Arbeitsplatz.

 

Als Resümee kann auch in diesem Schuljahr wieder festgehalten werden, dass die Schüler immer mehr Interesse am Thema entwickelten und plötzlich bemerkten, dass Geschichte auf einmal lebendig werden kann. In diesem Sinn ein herzliches Dankeschön an unsere beiden engagierten Zeitzeugen Herrn Schäfer und Herrn Heinig.

 

 

Besuch eines Römers

Ein Mal im Jahr werden die Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen von einem Legionär aus Castra Regina besucht. Mit seinem Schienenpanzer über dem knielangen Gewand und den genagelten Schuhen, eher Sandalen, schick mit Lederbändern an Knöcheln und Waden geschnürt, zieht er alle Blicke auf sich. Nun erfahren die Schülerinnen und Schüler aus sicherer Quelle, was ein Legionär eigentlich ist, wie man das wird, was man zu leisten hat und wie der Alltag aussieht.

Am besten ist allerdings, dass man viele Sachen nicht nur anschauen, sondern selbst an- und ausprobieren darf.